Vom IT-Betrieb zu Platform Engineering. Ein Reisebericht (1/3)

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Es gibt einige Artikel auf unserem Tech Blog, die über unseren Wandel zur Produkt-Organisation berichten. Auch wenn der IT-Betrieb bei solchen Aktivitäten gerne mal vergessen wird, so war es bei unserem Wandel zur Produkt-Organisation nicht der Fall. Als Learning aus anderen Umstellungen und Unternehmen wurde der IT-Betrieb sehr früh in den Prozess einbezogen. Nach gut einem Jahr kann man sagen: Das hat sich bezahlt gemacht!

Die folgenden Zeilen sind ein Reisebericht aus dem Blickwinkel von IT-Operations. Woher kommen wir? Warum wollten wir uns verändern? Wie haben wir das gemacht? Was haben wir dabei gelernt? Diese kleine Artikelserien in drei Teilen gibt einen Überblick über die Themenblöcke, deren Hintergründe und Inhalte. Ich gehe dabei jedoch nicht auf jedes einzelne Detail ein. Eventuell folgen diese ebenfalls sehr spannenden Details in späteren Artikeln.

 

Kapitel 1: Woher kommen wir? 6 Jahre im Schnelldurchlauf

Die Reise beginnt

Vor rund sieben Jahren haben wir nach und nach den IT-Betrieb aufgebaut. Dazu haben wir über die Zeit Datenbank-, Linux- und Windows-Spezialisten an Bord geholt und zu einem Team formiert. Eines war dabei immer klar: Bleib nah an der eigenen Entwicklung, die unsere eCommerce Software baut. Da die gesamte IT damals noch eine überschaubare Größe hatte und auf einem Flur saß, war das auch recht einfach. Genau wie heute war bereits damals die Stimmung sehr positiv, der Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung sehr groß.

Monitoring & Alarmierung (2010)

Im Jahr 2010 hatten wir für thalia.de/ch/at lediglich rund 100 Server, die große Monolithen und einige wenige Services beherbergten. Eine vergleichsweise überschaubare Systemlandschaft mit Linux, Tomcat, JAVA, Apache, MySQL. Schon damals hatten wir kein eigenes Datacenter, sondern haben Datacenter as a Service (DCaaS) genutzt. Wir waren nicht darauf aus, unsere Zeit primär mit einem Schraubendreher im Rechenzentrum zu verbringen. Uns war immer klar, dass wir als Team den größten Mehrwert nah an den vom Kunden genutzten Services bringen können. Server in ein Rack einschrauben und Betriebssysteme installieren können viele Dienstleister und Cloudanbieter besser als wir.

Unsere Aufgabe war es, den Betrieb der Systeme und der Services rund um die Uhr sicherzustellen. In guter IT-Betriebs-Tradition haben wir durch Prozesse, Standardisierung und Professionalisierung einen guten Beitrag zur Verbesserung der Verfügbarkeit unseres Gesamtsystems und somit zum Umsatz geleistet.  Auch wenn längst nicht alles perfekt war, so machten wir doch gute Fortschritte, und wir wurden stetig besser – was man u.a. auch an der Verfügbarkeit der Shop Systeme erkennen konnte.

Insourcing der Entwicklung & SOA-Architektur

Doch nicht nur der Betrieb entwickelte sich weiter. Auch die Software-Entwicklung machte große und tolle Fortschritte. Damals wurde Software für unser eCommerce System zu einem großen Teil extern entwickelt. Diese Entwicklung wurde ins Haus geholt (hmm, das klingt gerade leichter als es wirklich ist – bestimmt scheibt einer der Kollegen mal einen Artikel dazu 🙂 ). In diesem Zusammenhang wurde auch das Deployment, welches zuvor vom externen Dienstleister durchgeführt wurde, in den noch jungen IT-Betrieb übergeben. Ungefähr zur gleichen Zeit hatte die Software-Entwicklung eine echt gute Idee: SOA-Architektur! Tötet die Monolithen! Nach einem kurzen Termin mit unserem Software-Architekten, der die Idee vorstellte, sagten wir völlig ahnungslos dafür aber um so selbstbewusster: Klar, kein Problem! Und so kam was kommen musste. Der IT-Betrieb wurde von Anforderungen überrollt und konnte die Software-Entwicklung nicht bedarfsgerecht bedienen. Hinter Prozessen und dem Ticketsystem haben wir versucht, in Deckung zu gehen und die Anforderungen zu verstehen, zu priorisieren und sequenziell abzuarbeiten. Waren wir damals schnell? Nun ja, es gab da durchaus Verbesserungspotential.

Sysadminday (2012)

Die gesamte Schnittstelle zwischen der Entwicklung und dem IT-Betrieb hatte einen massiven Overhead und verursachte hohe Reibungsverluste. Klar waren wir (Entwicklung & IT-Betrieb) immer noch gute Kollegen, haben uns geholfen wo es ging und haben freudig (inzwischen auf zwei Etagen) zusammengearbeitet. Events unterschiedlichster Art wie z.B. den Sysadminday haben wir gerne gefeiert und machen das immer noch. Der Stresspegel auf beiden Seiten stieg jedoch permanent an. Jeder im IT-Betrieb hatte im Ticket System seine 100 Vorgänge und mehr zu tun als er schaffen konnte. Transparenz für den Anforderer und für den Bearbeiter gab es trotz Ticket System jedoch schon lange nicht mehr. Klares Priorisieren der Masse war nahezu unmöglich. Zeit für eine Veränderung!

 

IT-Operations meets Kanban

Überrollt von Anforderungen aus der Entwicklung sowie aus dem IT-Betrieb mussten wir mehr Struktur und Transparenz in unsere Arbeit bringen. Wir waren ein klassischer IT-Betrieb und hörten zum ersten Mal etwas von „Kanban“. Hmm, was ist das? Was kann das? Sieht erst einmal spannend aus. Da wir damals schon JIRA mit dem AGILE Plugin im Einsatz hatten, haben wir einfach mal unsere Tickets in einem Kanban Board anzeigen lassen. Toll, 500 Tickets auf einem Board. Das soll jetzt helfen? Es hat viele Anläufe gebraucht, bis wir es tatsächlich geschafft haben, ein Kanban Board zu entwickeln, welches uns als IT-Betrieb den Fokus auf die „jetzt“ wirklich wichtigen Tickets gegeben und dem Anforderer ein Feedback gegeben hat, wann ein Ticket aller Wahrscheinlichkeit nach umgesetzt wird. Von der Grundidee haben wir unsere Themen sichtbar gemacht und Timeboxes von 2 Wochen eingeführt. Jedes Ticket wurde einer Timebox zugewiesen oder gezielt in den Pool gelegt, wenn es später bearbeitet werden sollte. Auch Tickets unbearbeitet jedoch kommentiert schließen kann sinnvoll sein, führt aber gerade am Anfang zu Diskussionen.

Damit das Board funktioniert, haben wir einen Filter auf alle offenen Tickets des IT-Betriebs gelegt. Das Board selber hat drei Kategorien von Swimlanes: (1) Timeboxen für die Bearbeitung, (2) den Eingangsbereich und (3) den Pool.

Eine Timebox dauert immer zwei Wochen. Tickets in einer Timebox werden mit dem JIRA Stichwort „sysKWxxxx“ getagged wobei „xxxx“ die jeweiligen zwei Kalenderwochen angeben (Beispiel sysKW0102, sysKW0304, sysKW0506, …). Wird ein Ticket z.B. mit dem Stichwort „sysKW3334“ versehen, so erscheint das Ticket in der Swimlane der Timebox „KW33/34“. Diese Timebox gibt dem Bearbeiter die Chance sich nur auf Tickets in der Timebox zu fokusieren (und nicht auf alle 500 offenen Tickets). Der Anforderer kann am Stichwort erkennen, wann sein Ticket gemäß Planung bearbeitet werden soll.

Neue Anforderungen oder Störungen landen automatisch im Eingangsbereich. Ein Dispatcher entscheidet nun anhand von Prioritäten (ggf. sind hierfür Rückfragen beim Anforderer notwendig), in welcher Timebox ein Ticket planmäßig abgearbeitet werden soll. Um ein Ticket in eine Timebox zu packen, muss er lediglich das JIRA Stichwort „sysKWxxxx“ vergeben.

Ist die Priorität einer Anforderung oder eine Störung aktuell nicht besonders hoch, so wird das zugehörige Ticket im Pool abgelegt. Dazu vergibt das Dispatcher das Stichwort „sysPool“. Auch ist es der Dispatcher, der immer wieder den Pool prüft, ob Tickets aufgrund veränderter Prioritäten in eine Timebox geschoben werden sollten. Der Anforderer wird automatisch per Mail über die Vergabe von JIRA Stichwörtern und somit den Planungsstatus des Tickets informiert. Ist er mit der Timebox oder dem Pool nicht einverstanden, so kann er beim Dispatcher die Priorität besprechen und ggf. verändern.

 

Was haben wir bis hier erreicht?

Wir hatten nun eine gute Übersicht über alle Themen und in welchem Status die Themen waren. Wir konnten Themen priorisieren, abmelden oder auf später verschieben. So konnten wir die wichtigen Themen früher machen und die vermeintlich unwichtigeren Themen später oder gar nicht. Im Team hatten wir mit einem Mal Struktur in den Themen. Die Team-Mitglieder hatten nicht mehr den Druck, alles auf einmal machen zu müssen. Sie hatten einen klaren Blick auf eine handhabbare Anzahl an Tickets. Dadurch konnten sie fokussierter an den wichtigen Themen arbeiten.

Ergebnis: Die Zufriedenheit bei Anforderer und Bearbeiter stieg. Die Zahl der Eskalationen reduzierte sich. Ein großer Schritt nach vorne!

 

 

Warum mussten wir uns dennoch weiterentwickeln?

Waren wir jetzt schnell genug? Nein! Auf keinen Fall!

Per Prozessdefinition musste ein virtueller Server, der in Produktion eingesetzt werden sollte, rund acht Wochen vor Deployment angemeldet werden (3 Wochen Planung, 1 Woche bauen, 4 Wochen die neue Software testen). Die echte Arbeitszeit in den acht Wochen lag jedoch nur bei ~3PT. Ein Großteil der Zeit während der acht Wochen ging für die Terminfindung, Warten, Abstimmung, Rückfragen, … bei den beteiligten Teams drauf. Nicht jeder fand das super. Auch wurden die Aufgaben (insbesondere aus dem Tagesgeschäft) immer mehr. Wir hatten kaum Zeit für Innovation und Weiterentwicklung von Themen aus dem Bereich IT-Betrieb. Wir waren zwar entspannter mit einem besseren Blick – jedoch immer noch Getriebene.

Die Reise geht also weiter …

 

 

Kapitel 2: Basistechnologien, SelfServices & Automation

In einer Woche werde ich im zweiten Kapitel unserer Reise darüber berichten, was wir im Bereich der Technologien gemacht haben. Wie konnten wir Werkzeuge nutzen, um uns zu beschleunigen und die Schnittstellen zu den Produkt-Teams genauer definieren? To be continued …

 

 

Alle drei Kapitel im Überblick

Kapitel 1:  Woher kommen wir? 6 Jahre im SchnelldurchlaufKapitel 1:  Woher kommen wir? 6 Jahre im Schnelldurchlauf Kapitel 2: Basistechnologien, SelfServices & AutomationKapitel 2: Basistechnologien, SelfServices & Automation Kapitel 3: Mindset, Methoden, Prozesse und mehr...Kapitel 3: Mindset, Methoden, Prozesse und mehr…

 

Teamleiter Platform Engineering
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Ich bin seit 2010 bei Thalia eCommerce IT in Münster. Damals habe ich den Bereich IT-Systembetrieb übernommen und zum Platform Engineering Team weiterentwickelt. Immer auf der Suche nach Optimierungen versuche ich im Moment Agile Methoden der Softwareentwicklung und IT-Operations zusammenzubringen.